Sie sorgen für die Gesundheit der Hamburger: Mit ihren Überraschungsbesuchen überprüfen die Lebensmittelkontrolleure die Hygienesituation in den Lokalen und Nahrungsmittelgeschäften der Stadt. Aber auch in Schulen, Kitas und Krankenhäusern. Jetzt schlagen die Prüfer Alarm: Wegen chronischer Unterbesetzung können sie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen.
Die Überlastungsanzeige, die der MOPO vorliegt, wurde am 10. Juni gestellt. Der Abschnittsleiter des Hamburger Bezirks Mitte schildert den Verantwortlichen bei der Stadt darin eine „dramatische Lage“, die auf einen akuten Personalnotstand zurückzuführen sei.

Ein Lebensmittelkontrolleur im Einsatz (Symbolbild).FOTO: PICTURE ALLIANCE/DPA | UWE ANSPACH
Hilferuf aus dem Bezirk: Lebensmittelkontrolleure klagen über starke Überlastung
So sei der zu überwachende Bereich eigentlich für 16 Planstellen ausgelegt. Aktuell würden die Kontrollen jedoch nur von sieben Personen erledigt, von denen einige auch nur teilzeitbeschäftigt beziehungsweise in Ausbildung seien. Fazit: Die Aufgaben könnten „nicht vollständig bewältigt, geschweige denn bestehende Rückstände abgebaut werden“.
Die Situation betrifft nicht nur Mitte. In den anderen Bezirken ist die Lage ähnlich. Die MOPO hat zwei Kontrolleure getroffen, die ihren Job seit vielen Jahren machen, und berichten, was das genau im Alltag bedeutet.
Verschmutzung unter einer Fritteuse in einem Hamburger Gastronomie-Betrieb, entdeckt von den Lebensmittelkontrolleuren.

„Gerade in sensiblen Bereichen wie Altenheimen oder Kitas ist es wichtig, dass es regelmäßige Kontrollen gibt“, sagt eine Kontrolleurin, die jahrzehntelange Erfahrung hat. Schließlich gehe es um die Gesundheit von alten Menschen und Kindern. Doch aufgrund der Personalsituation seien früher die vierteljährlich durchgeführten Kontrollen nicht mehr möglich. Die Abstände würden immer größer. „Es gibt Betriebe, die hätten schon letztes Jahr kontrolliert werden müssen”, sagt sie. Die Folge sei oft, dass sich die Hygienesituation vor Ort dramatisch entwickle. „Früher lag unter einem Zubereitungstisch mal eine Zwiebel oder ein Stück Brot. Jetzt finden wir schon mal eine Masse im Zersetzungsprozess.”
Rohes Fleisch vom Döner-Spieß: Kunde landet im Krankenhaus
Der Kontrolleur aus Bergedorf berichtet von verstopften Lüftungsgittern, die zu Bakterienbildung führen. Von unzureichender Kühlung. Von Schädlingen wie Motten und Ratten. Meistens fliege die Sache erst auf, wenn es schon zu spät ist. Also, wenn Kunden die Sache bei den Behörden melden, weil sie nach dem Verzehr von Verdorbenem krank werden.
Neulich hätten sich drei Freunde beispielsweise nach dem Besuch in einem Dönerladen gemeldet. Allen dreien ging es schlecht, einer lag sogar im Krankenhaus. „Wir haben den Spieß dann überprüft. Von den vier Heizstrahlern funktionierten nur die drei oberen. Der unterste nicht. Das Fleisch, das im Brot landete, war also teilweise roh.“
Der Stadt sind die Personalprobleme bekannt. Eine Senatsanfrage der CDU-Abgeordneten Stefan Bereuter und Kaja Steffens ergab, dass aktuell 13 Stellen unbesetzt sind. Außerdem ist die Zahl der Lebensmittelkontrolleure in den vergangenen Jahren um zehn Personen gesunken – bei gleichzeitig wachsenden Anforderungen beispielsweise durch neue EU-Verordnungen. Seit 2020 sind in den Bezirken insgesamt sieben Überlastungsanzeigen gestellt worden. Die vom Juni ist da nicht eingerechnet.
Lebensmittelkontrolleure im Umland sind besser bezahlt: Leute wandern ab
Für die Gewerkschaft Komba sind die Zustände nicht hinnehmbar. „Die stetig wachsenden Aufgaben führen zu einer zunehmenden Überlastung der Beschäftigten“, so Landesgeschäftsführer Andy Metzlaff. Der Gewerkschafter sieht die Stadt in der Verantwortung für die unbesetzten Stellen. Denn: Hamburg zahlt seinen Lebensmittelkontrolleuren deutlich weniger Geld als die umliegenden Gemeinden. So liegt das Einstiegsgehalt in einer Umland-Kommune bei 4012,19 Euro brutto, während es in Hamburg ganze 500 Euro weniger sind. Hier liegt das Einstiegsgehalt bei 3520,10 Euro. In den oberen Gehaltsstufen ist der Abstand noch größer.
Andy Metzlaff Landesgeschäftsführer der Komba Gewerkschaft HamburgKOMBA GEWERKSCHAFT HAMBURG

Metzlaff: „Dass immer mehr qualifizierte Lebensmittelkontrolleure in umliegende Gemeinden oder andere Bundesländer wechseln, ist ein hausgemachtes Problem. Im Umland werden bessere Eingruppierungen geboten – diese Unterschiede sind dem Senat seit Langem bekannt. Dennoch schaut die Politik tatenlos zu.“ Die Folgen seien absehbar. Und gefährlich! „Am Ende sind es die Verbraucherinnen und Verbraucher, die darunter leiden“, so Metzlaff.
Auch der CDU-Abgeordnete Stefan Bereuter sieht dringenden Handlungsbedarf: „Ich fordere den rot-grünen Senat auf, nicht leichtfertig die Gesundheit der Hamburgerinnen und Hamburger zu riskieren, sondern die berufliche Situation der Lebensmittelkontrolleure in Hamburg endlich spürbar zu verbessern. Andernfalls riskiert der Senat ein weiteres Abwandern dieser Fachkräfte ins Umland.“
Personalnotstand bei Lebensmittelkontrolleuren: Stadt Hamburg priorisiert Maßnahmen
Der Senat weist darauf hin, dass freie Stellen „mit dem Ziel einer schnellen Nachbesetzung ausgeschrieben“ würden, schränkt aber auch ein, dass die Besetzung von der jeweiligen Bewerbungslage abhängig sei. Als Maßnahme, um der Situation Herr zu werden, führe man eine Priorisierung von Maßnahmen durch. Das gelte vor allem bei der „Überwachung von Rückrufen, wenn Lebensmittel mit mikrobiologischen Krankheitserregern wie Listerien oder Salmonellen kontaminiert oder mit Fremdstoffen wie Glassplittern verunreinigt sind und der Verzehr eine akute Gefahr für die Gesundheit von Verbraucherinnen und Verbrauchern darstellen würde“, so die Senatsantwort.
Außerdem habe man die Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzt, indem Studenten der Ökotrophologie der Theorieteil angerechnet würde. Für die Gewerkschaft ist das ein Tropfen auf den heißen Stein: „Das gilt erst für die Studenten, die in diesem Herbst ihr Studium beginnen“, so Andy Metzlaff. Heißt: Ihren Dienst könnten sie frühestens in vier bis fünf Jahren antreten. Bis dahin dürften sich die Probleme deutlich verschärft haben.